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Harrys Bibliothek

    Nach seinem Tod blieb die Bibliothek mit etwa 4000 Bänden zurück, verteilt auf mehrere Zimmer in der nicht sehr großen Wohnung. Ein gewaltiger Abdruck der Welt als Zweitwelt, in der er sich fast täglich aufgehalten hatte. Keinesfalls eine Sammlung bibliophiler Raritäten, eher kontinuierlich angesammelter Lesestoff, angeeignet und durchgearbeitet, kontaminiert durch fortgesetzten Gebrauch. Kaum war an eine Veräußerung oder Weitergabe der Bände zu denken. Kombinatorischen Prinzipien folgend war ihre Anordnung in den Regalen so, dass sich zwischen benachbarten, verschiedenartigen Titeln oft überraschende Verknüpfungen ergaben. In diesem analogen Weltkonzentrat fand auch das eigene Schreiben statt, am Laptop, immer mit Zigarette. Brilliante Formulierungen im Feld der Kunst, an den Rändern von Kunst, Literatur, Philosophie, Geschichte, Alltag und Kosmos. Viele schätzten seine manchmal spitzzüngige Wortgewandtheit, sein Gespür für Sprache und Themen. Ihnen war er eine wertvolle Instanz insbesondere für das eigene Tun oder Lassen. Schließlich musste das ehemalige Arbeitszimmer anderen Nutzungen weichen, die Buchbestände wurden zerstreut. Kurz vor der Auflösung ist die zentrale Hauptwand jedoch so fotografiert worden, dass alle Titel auf den Buchrücken lesbar sind.
So blieb wenigstens der Bauplan dieses ‚Stellwerks‘ erhalten.



    Kurt Grunow